Die Kirche im Zentrum für Psychiatrie

Wer durch die Pforte des Zentrums für Psychiatrie geht, sieht hinter einem Brunnen zuerst die Festhalle. Hinter der Festhalle ist die Kirche. Pforte, Festhalle und Kirche bilden eine Achse. Diese Achse teilte früher die Psychiatrie in eine Frauenseite und in eine Männerseite.
Die Kirche gehört nicht der Kirche
Das Kirchengebäude wurde gebaut von der „Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt bei Emmendingen“. Heute gehört die Kirche dem „Zentrum für Psychiatrie Emmendingen“, einer rechtsfähigen Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Kirche gibt Raum für Menschen und für die Gottesdienste der evangelischen und der katholischen Klinikseelsorge. So sind die Seelsorger*innen wie alle, die hier Gottesdienste feiern, Gäste.

Das Zentrum für Psychiatrie wurde 1889 als „Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt bei Emmendingen“ eröffnet. Die ersten kranken Menschen kamen an. Aber es wurde noch 25 Jahre lang weiter gebaut bis 1914. Die Kirche wurde 1914 als letztes Gebäude errichtet und eingeweiht. Der Altarstein aus dem Jahr 1914 wird für lange Zeit der letzte „Baustein“ der Anstalt bleiben. Der 1. Weltkrieg beginnt.
In der „Dokumentation zur Restaurierung von Kirche und Orgel“ (1995, PLK Emmendingen) schreibt Bernd Schauenburg vom staatlichen Hochbauamt I Freiburg, dass man die Kirche vom Stil her einordnen würde im „Übergang zwischen Historismus und Moderne“, „denn während im Dekor noch Jugendstilelemente vorherrschen, weisen die einfachen Grundformen schon deutlich auf die moderne Architektur hin.“
Immer wieder wurden im Innenraum der Kirche Veränderungen vorgenommen. Die ursprüngliche Ausmalung der Decke im Kirchenschiff mit mehrfarbiger Schablonenmalerei und der Chorraum mit einem stilisierten Himmel und gemaltem Vorhang, all das wurde grau überpinselt. Im Jahr 1995 wurde aber die ursprüngliche Bemalung neu hergestellt. Die Wand- und Deckengestaltung vermittelt damit heute den ursprünglichen Zustand der Kirche.
In diesem Jahrhundert gab es zwei wichtige Veränderungen:
2009 wurde der Boden erneuert und die Bänke durch Stühle ersetzt. Damit ist es möglich, den Kirchenraum flexibler als Feierraum zu gestalten und Rollstuhlbenutzern mehr Platz zu geben.
2011 haben Patienten in der Holzwerkstatt einen Osterkerzenleuchter, einen Altar und einen Ambo gebaut (Entwürfe: Herr Wieseler, Erzbischöfliches Bauamt). Sie schaffen eine Brücke zwischen dem Tabernakel, der Kanzel und den neuen Stühlen.



Krippen-Skulptur von Martin Schonhardt
2015 wurde der Bilderhauer Martin Schonhardt aus dem Simonswälder Tal vom Team der Seelsorge beauftragt, eine Weihnachtskrippendarstellung in einer neuen Form zu entwickeln. Gemeinsame Prozesse der Auswahl führten zu einem modernen Entwurf einer Krippen-Skulptur. Ein Doppel-T-Eisenträger hält zwei Holztafeln und Maria mit Jesuskind im Halbrelief (Lindenholz). Die obere Holztafel zeigt Licht von oben und den träumenden Josef. Die untere Holztafel zeigt Hirten, Schafe, Ochs und Esel. Maria trägt einen etwa zweijährigen Jesus auf dem linken Arm und hält in der linken Hand auch noch einen Sack mit Habseligkeiten. Wer flieht, hat keine Zeit, um in Ruhe zu packen. Die rechte Hand der Maria bleibt frei, sie wirkt entschlossen Neues anzupacken.

Die Aufrechte / Skulptur aus Kirschholz von Christel Jax (Freiburg)
Ein Kirschbaum, der vom Orkan Lothar Ende 1999 gefällt wurde, ist der Ausgangspunkt für diese Skulptur. Frau Jax hat diesen frischen Kirschbaumstamm verwendet und so kamen – wie erwartet – mit der Zeit Risse und Spalten in die Skulptur. Manchmal stecken Menschen Blumen oder Bitten in diese Spalten, manchmal berühren sie die Skulptur. Ein Bewohner sagte: „Das ist die saure Maria“

Wer die Kirche im Laufe des Jahres oder nach Jahren wieder betritt, sieht vorne links Veränderungen. Bewusst ist an der Stirnwand Raum gelassen und vorbereitet für Gestaltungsmöglichkeiten. Je nach Kirchenjahreszeit sind hier unterschiedliche Werke aus verschiedenen Materialien zu sehen.Ein Beispiel dafür ist das Pfingsttuch.
Die Seelsorger gaben dem Kunsttherapeuten folgende Gedanken für den Auftrag: Es soll um den Heiligen Geist gehen. Er ist nicht greifbar. Zeichen dafür sind: Feuer, Wind und Bewegung. Zusammen mit seelisch Leidenden haben die Seelsorger unter Anleitung des Kunsttherapeuten Christoph Fischer ein Tuch gestaltet. Materialien und Werkzeuge waren Farbe, ein 10 Meter langes Tuch und nackte Füße. Das Tuch wurde ausgebreitet, Farbe aufgetragen, mit den Füßen verteilt. Das Tuch wurde wie ein Betttuch gehalten und mit flüssiger Farbe gefüllt. Dazwischen wurde das Tuch gefaltet und entfaltet. Das war ein merkwürdiger Entstehungsprozess.
Das Ergebnis ist hier zu sehen. Zum Ergebnis gehört auch, was die Menschen sehen und wahrnehmen: Feuer / von oben / von unten / eine tanzende Frau / ein Kreuz und mehr. Zu diesem Tuch gehören auch die Gespräche über eigene Wahrnehmungen. An Pfingsten wird es wieder vorne links hängen, um zu erinnern: Der Geist Gottes weht wo und wie er will.
